Erinnerungen an Friedrich Gulda Zunächst eine Richtigstellung: Nicht alle Stücke sind "wiederentdeckte Aufnahmen", denn zumindest die beiden Scherzi von Franz Schubert gab es schon Anfang der 1990er Jahre auf einer Amadeo-CD zu kaufen, so daß es sich hier auf keinen Fall um CD-Erstveröffentlichungen handelt, wie auf der Ausgabe zu lesen ist. Aber kaufenswert ist die Scheibe auf jeden Fall, denn sie bringt tatsächlich einige sehr wertvolle Aufnahmen, die mir bisher nirgends sonst begegnet sind. Besonders reizvoll ist die "Sonata facile" von W.A. Mozart. Hier zeigt sich wieder, welch ein begnadeter Musiker Friedrich Gulda (1930-2000) jenseits seiner zahlreichen Eskapaden und Extravaganzen war. Auch die Toccata von Maurice Ravel und Debussys "Feux d'artifice" werden mit solch einer niederschmetternden Souveränität und Virtuosität dargeboten, daß man einmal mehr bedauert, daß der Künstler so wenige Klassik-Aufnahmen hinterlassen hat. Aber was von ihm vorliegt, ist durchweg allererste Klasse und gehört in jede anspruchsvolle Diskothek. Die vorliegende CD bietet außerdem noch das Italienische Konzert von J.S. Bach sowie von Chopin zwei Walzer und "Andante spianato et Grande Polonaise op. 22". Auch diese Werke werden mit großer pianistischer Meisterschaft gespielt, aber die eingangs genannten Werke sind es vornehmlich, die in den Bereich des Besonderen und Unwiederholbaren vordringen. Alles in allem wertvolle Dokumente und zur Erinnerung an den im Januar 2000 verstorbenen Pianisten bestens geeignet.
Der Klang der zwischen 1962 und 1968 gemachten Aufnahmen könnte besser sein, das Klavier klingt oft etwas hölzern und läßt den wunderbar singenden Anschlag Guldas nicht optimal aus den Lautsprechern kommen. Das Textheft ist ein wenig extravagant, aber gut und bringt neben einer Einführung von Guldas langjähriger Lebensgefährtin Ursula Anders auch schöne Bilder aus seiner musikalischen Laufbahn.
| | Zum Genießen, aber mit Vorsicht "Wiederentdeckte Sensations-Aufnahmen der Sechzigerjahre" verspricht die Plattenhülle dieser Gulda-CD mit Werken von Bach bis Ravel. Doch Vorsicht: weder das mit der Wiederentdeckung, noch das mit der Sensation trifft vollumfänglich zu.Zum einen dürfte der aufmerksame Gulda-Beobachter den charmant gespielten, hier als CD-Erstveröffentlichung angepriesenen zwei Schubert Scherzi D 593 bereits früher einmal auf CD (und zwar: amadeo 423 790-2) begegnet sein. Zum anderen werden mit Bachs Italienischem Konzert, BWV 971 und Chopins Andante spianato et Grande Polonaise, op. 22 Aufnahmen zu Gehör gebracht die eher nicht sensationell sind. Die Bach-Darstellung ist vielmehr ein Musterbeispiel für akademische, trockene Spielweise. Gulda wirkt mitunter sogar empfindungssteif, kühl und bemüht. In den Ecksätze schlägt er gefährlich moderate Tempi an, erledigt seine Gestaltungsaufgabe durch schematische Laut-Leise-Kontrastierungen. Stimmenvielfalt, Witz und Originalität hält er konsequent im Verborgenen. Keine Spur auch von der vorwärtsgerichteten Motorik und vom Drive, mit dem Gulda in den frühen Siebzigerjahren dem Wohltemperierten Klavier (Philips) seinen so markanten Stempel aufdrückte. Stattdessen wird ein eigentlich todsicherer Reißer bedroht vom Bazillus der Langweile - auch das eine Art Sensation. Ähnlich die Chopin Polonaise: natürlich beherrscht Gulda diese glanzvolle Brillanz-Nummer. Verglichen aber mit der sprühenden Virtuosität und dem Raffinement eines Horowitz (New York 1945; BMG) oder gar der schlanken, federnden und zugleich forschen Eleganz des jungen Michelangeli (Buenos Aires 1949; AURA) wirkt Guldas allzu akkurate Leseart so aufregend wie eine Rezitation des Düsseldorfer Telefonbuches. Die Dinge ändern sich schlagartig, wenn es um Mozart geht, in diesem Falle um die (gar nicht so leichte) Sonata "facile", KV 545. Sofort ist er da, der unvergleichliche, wunderbare Gulda-Mozart-Sound: trotz aller Verzierungen geradlinig, frisch, singend, schwingend und atmend. Und - oh Wunder! - der Meister setzt Emotionen frei, entfaltet einen Mozart, der berührt, betört und fesselt. Schon diese Einspielung macht die CD für jeden Mozart- und Gulda-Freund zum Muß, auch wenn ein hin und wieder etwas blecherner Klang in Kauf zu nehmen ist. Da es zudem noch eine staunenswert hingelegte Ravel-Toccata zu bewundern gibt, sei diese Veröffentlichung - unter dem Strich - durchaus empfohlen.
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